Lebende Legenden #1
Eine Geschichte aus der Welt des kleinen Kriegers (www.kleinerkrieger.de) von Michael Nolden.

 
Die Hafenstadt Halmawat an der nördlichen Küste des Dreggen-Reiches ist ein ständiger Quell für Geschichten. Seltsame, ungewöhnliche, rührende oder abenteuerliche Begebenheiten, die aus einem Schmelztiegel entstehen, einer Mixtur unterschiedlichster Völker, sesshafter wie reisender Lebewesen. Wir schreiben das erste Jahr nach Beendigung des Krieges gegen die Eisriesen und dem Sturz des Königs Dreggen Soi II.

Auf dem Gauklermarkt ging seit einigen Wochen alles wieder seinen gewohnten Gang. Die Volksseele hatte sich offenbar beruhigt. Zwar waren die Eisriesen nicht bis Halmawat vorgedrungen, doch hatte die Stadt in unzähligem Maße Flüchtlinge aufgenommen und die Berichte ihrer Erlebnisse waren grauslich genug, um das Entsetzen unter der Bevölkerung zu schüren. Aber die Volksseele verdrängt gerne und das Leben gestattete keine Pause. Die Bürger von Halmawat besannen sich auf die Hektik des Alltages einer Hafenstadt und auf die Vergnügungen, die eine Stadt mit ihrer Qualität zu bieten hat. Vom Hafen her wurden die Märkte beliefert, Händler trafen aus den Provinzen ein. Auf dem Gauklermarkt unterhielten Artisten die Menge und Langfinger gingen inmitten der versammelten Zuschauer ihrer Arbeit nach. Handwerker fertigten in den Seitenstraßen der Gilden ihre Waren, andere kletterten an den Fassaden hochherrschaftlicher Gebäude empor und besserten ramponierte Wände aus oder brachten neue Figurinen aus Sandstein an, immer misstrauisch beäugt von Wachen.

Einer der Handwerker, die an diesem Morgen in dieser geschäftigen Stadt ihrem Werk nachgingen, war ein schmächtiger junger Treefnok namens Djalran Destin De'Dan. Die meisten, die mit ihm umgingen, riefen ihn nur Ran, was eine Koseform für Junge bei den Treefnoks war. Ran hatte die für sein Alter ehrenvolle Aufgabe erhalten, an einem der Tempel Kolras zu arbeiten, der sich in der Nähe des Haupthafenbeckens befand.

Der Eingangsbereich wurde durch vier mächtige Säulen getragen. Ran schritt zwischen ihnen hindurch und atmete tief durch. Dies war sein zweiter wirklich wichtiger Auftrag. Die ersten Standbilder, die er für einen Tempel zu Ehren des Fransinatrus geschaffen hatte, hatten unter den Anhängern des zum Gott erhobenen Bänkelsängers frenetischen Beifall gefunden. Der Gildemeister wurde auf den jungen Treefnok aufmerksam. Kurz darauf verschaffte er ihm eine weitere Bewährungsprobe. Offiziell gab es keine Bevorzugung innerhalb der Gilde. Die Realität sah anders aus. Gute Arbeiter waren das Aushängeschild ein jeder Gilde. Sie bekamen die besseren Aufträge, während diejenigen, die mit weniger Talent gesegnet waren, mit den Brotkrumen vorlieb nehmen mussten.
Ran war sich der Verantwortung einerseits bewusst, andererseits war er auch aufgeregt. Bisher war ihm noch nichts näheres über seine Aufgabe bekannt. Ihm war aufgetragen worden, sich bei dem Vorsteher des Tempels zu melden. Im Tempelinneren war es kühl und still. Ran hob seine blauen Schlappohren ein wenig an, um zu lauschen. Kolra galt als der größte und wichtigste Gott unter den Dreggen. Dem jungen Treefnok lag nichts an dieser Religion, aber er achtete sie. Wie er aus Erfahrung wusste, waren Tempel stets belebte Orte, doch die Leere dieses prächtigen Gebäudes wirkte zunehmend beklemmend auf ihn. Am Ende der Halle schmorte es in einer niedrigen Opferschale. Gelber Rauch stieg in schmalen Fäden zu einer tellergroßen Öffnung in der Decke auf. Ran hoffte, seine Aufgabe würde nicht darin bestehen, Wasserschäden an einem solchen Loch im Dach zu beseitigen.

Unter dem mit marmorierten Platten ausgelegten Boden rumpelte es vernehmlich. Die Tempelbediensteten mussten sich in den Kellerräumen aufhalten. Ran durchquerte die Halle. Nahe der Opferschale schaute er sich intensiv um. Rechter und linker Hand von ihm gingen zwei weitaus schmalere Gänge ab. In die Wand eingelassene Rundbögen gaben den Blick frei auf den Hafen und das Meer hinter dem Tempel. Von rechts kamen neue Geräusche. Ran erschienen sie wie metallisches Klirren und Geschrei. Diese Geräusche wurden schnell lauter. Ran hörte Wortfetzen heraus, die darauf hindeuteten, dass einige der Tempeldiener nicht nur wütend waren, sondern auch hinter jemandem herjagten. Nach wenigen Manneslängen machte der Gang einen Knick nach links. Dort bog nun ein kleiner Kerl mit unglaublich großen Ohren und langen roten Haaren um die Ecke. Er keuchte, aber lachte auch dabei. Mit einem noch viel lauteren Schnaufen folgte eine grüne Kreatur dem kleinen Kerl, wie Ran noch nie eine zuvor gesehen hatte. Zwar hatte er ein Wesen mit größeren Ohren als er selbst ebenfalls noch nie gesehen, doch bestanden wenigstens Ähnlichkeiten zwischen ihnen beiden. Das grüne Wesen allerdings war sehr fremdartig. Viel Zeit blieb Ran nicht, um seiner Überraschung Herr zu werden. Die beiden Flüchtigen - sie mussten auf der Flucht sein, denn aufgebrachte Tempeldiener in dunkelblauen Gewändern waren ihnen auf den Fersen - hasteten an ihm vorüber, geradewegs durch die Halle dem Ausgang entgegen.

Die nachfolgenden Männer zogen Waffen. Die vorderen von ihnen schenkten dem Treefnok keine Beachtung und rannten weiter. Drei andere jedoch bremsten ihren Lauf, sichtlich verärgert richteten sie ihren Blick auf Ran, der nicht wusste, wie ihm geschah.

"Ich habe nichts damit zu schaffen", stieß er gehetzt aus.
"Dieb!" schrie der erste der drei Männer, die allesamt Dreggen waren. Der Mann hatte einen Krummdolch hoch erhoben. Zum Stich bereit bewegte er sich auf den Treefnok zu.
Ran schritt mit jedem Annähern der drei Widersacher zurück. Kampf war seine Sache nicht. Er war Bildhauer. Kein Treefnok, der bei klarem Verstand war, würde sich an einer Waffe schulen lassen. Ein kurzer Blick zeigte ihm, dass nicht alle Tempeldiener den Flüchtigen hinterher gejagt waren. Zwei waren bei dem Eingangsportal zurück geblieben. Diese Fluchtmöglichkeit blieb ihm also verwehrt. So blieb ihm einzig der andere Gang.
Ran drehte sich um und lief los, so schnell es seine Beine vermochten.

***

Der kleine Krieger griff nach der Hand des Walddämonen und zog ihn auf den Rand des Daches nach.
"Du bist ein Fresssack!" rief Hutzel Longear seinem Freund zu. "Beim nächsten Mal schlägst du dir nicht so den Magen voll!"
"Hmpf", machte Keinfussabhand.
Hutzel und sein Freund hatten eine Reihe von Simsen und Vorsprüngen benutzt, um das Dach zu erklimmen. Diese Kletterhilfen waren für ihre Verfolger zu schmal. Da sie sich vorerst in Sicherheit befanden, gestatteten sich beide eine kleine Verschnaufpause.
"Ich weiß nicht, warum ich mir diese dummen Spielchen immer wieder gestatte. Ka, erinnere mich daran, nie wieder einen Diebstahl zu planen." Hutzel zog den Freund weiter vom Rand des Daches weg, um möglichen Bogenschützen das Ziel zu nehmen. "Sei nicht immer so unbedacht."
"Hmpf", machte Keinfussabhand und sandte Hutzel einen merkwürdig finsteren Blick aus seinen rot glühenden Augen.
"Ich meine nicht deine Unachtsamkeit. Ich rede von deiner Fresssucht. Demnächst lässt du Opfergaben, wo sie sind und machst dich nicht mit deinem ohrenbetäubenden Schmatzen darüber her!"
Keinfussabhand schluckte sein verächtliches Geräusch hinunter und senkte betreten den Kopf. Gleich darauf hob ruckte der Kopf des Walddämonen wieder hoch, das Kinn in seiner eigentümlichen Art vorgestreckt. Sein Blick war streng auf den kleinen Krieger gerichtet.
"Was?" entgegnete Hutzel dem Freund.
Keinfussabhand legte den Kopf schief, verlor dabei jedoch nicht den gestrengen Blick.
Ihre langjährige Freundschaft hatte stummes Verstehen gefördert. So blieb Hutzel nichts anderes übrig, als sich einzugestehen, dass er wusste, was Keinfussabhand ihm mit seinen glühenden Augen mitteilen wollte.
"Ja, ja!" begehrte Hutzel auf.
Keinfussabhand knurrte leise.
"Ja, ich weiß, ich bin kein Dieb. Und früher hätte ich auch nicht so gehandelt. Aber es "
"Hmpf!" machte der Walddämon.
"Es sind Dreggen!" wehrte sich der kleine Krieger. "Es ist ein Tempel des Kolra. Dem ist es doch sowieso gleichgültig, wer ihn verehrt und welche Opfergaben ihm dargebracht werden. Das kleine Amulett wird er gar nicht vermissen. Wir hingegen können von dem Verkauf einen Monat lang leben." Der Walddämon senkte seinen Blick nicht. "Ja, ich weiß", nuschelte Hutzel. "Das ist keine Entschuldigung." Er krabbelte voran das Dach empor. "Weiter jetzt. Du kannst mich später niederstarren."
Das Dach war steil angelegt. Der First sah äußerst scharfkantig aus. Fabelwesen mit Krallen und Reißzähnen schmückten den schmalen Rücken des Daches. Ob die Erbauer des Tempels damit ein künstliches Hindernis anlegen wollten, oder ob es zufällig noch einem anderen Zweck diente, konnte der kleine Krieger sich nicht denken. Was auch immer der Grund für dieses architektonische Schmuckstück war, es war im Weg, und es würde nicht einfach sein, darüber zu steigen. Er würde Keinfussabhand helfen können, das Hindernis zu passieren, aber er selbst würde zusehen müssen, an welcher Stelle es für ihn einfach zu erklettern war.
Vor sich sah er ein drachenähnliches Wesen mit acht Köpfen. Es bildete mit seinem langen Körper und den angeschmiegten beiden Monstren rechts und links davon eine Barriere, die ebenso hoch war wie der kleine Krieger.
Wo soll ich mich da richtig festhalten können, überlegte Hutzel Longear.
Keinfussabhand kroch ihm hinterher und stubste ihn schließlich mit der Schnauze an.
"Drängel nicht so", zischte Hutzel über die Schulter. "Da geht es nicht so einfach weiter."
Doch der Walddämon stieß ihn weiter. Eigentlich hätte Hutzel zufrieden sein müssen, denn Keinfussabhands Drängen brachte ihn sogar schneller das Dach hinauf. Ein scheppernder Schlag schreckte den kleinen Krieger auf. Mühsam drehte er den Kopf und sah das Ende einer hölzernen Leiter an den Rand des Daches lehnen.
Was sollte er tun? Zurück kriechen und in heldenhafter Manier die Leiter umstoßen? Vielleicht könnte er auch abwarten, bis der erste der Verfolger beinahe das Dach erreichte und dann der Leiter einen Stoß geben. Er könnte auch Keinfussabhand über die Barriere helfen und sich den Häschern ergeben. Das würde dem Walddämonen genügend Zeit zur Flucht geben. Der kleine Krieger musste seine Entscheidung schnell treffen.
Doch wie so häufig in solchen Situationen, in denen Hutzel zum Nachdenken neigte, handelte sein Freund. Keinfussabhand stieß dem kleinen Krieger mit Kopf und Hand grob in den Rücken. Hutzel verlor das Gleichgewicht. Und fiel rücklings gegen den grünen Freund. Ehe er sich versah, wurde er bereits von Keinfussabhand in die Luft geworfen.
"Lass das!" beschwerte sich Hutzel lauthals, aber umsonst. Noch bevor er den höchsten Punkt seiner Flugkurve erreichte, hatte er das unwillkommene Fluchthindernis beinahe überwunden. Kratzer auf seinen Schulterpanzern und einige Risse in seiner Tunika würden die einzigen Blessuren sein, die er sich zuziehen würde. Nun, nicht ganz. Sein Stolz war auch verletzt.
Die Überraschung ließ den kleinen Krieger seine Instinkte nicht zur Gänze vergessen. Er schaffte es auf der anderen Seite sich halbwegs abzurollen.
Just zu diesem Zeitpunkt erklangen auch die Stimmen der Verfolger wieder lauter. Hutzel schaute hoch, als der Walddämon mit einem kraftvollen Satz folgte.
"Hmpf!" machte er.
"Ja, ist ja gut!" Nach kurzem Taumeln war der kleine Krieger wieder auf den Beinen und folgte nun seinerseits dem Freund, der unbeirrt der gegenüberliegenden Dachkante zustrebte.
"Und was gedenkst du jetzt zu tun?" Hutzel stoppte neben Keinfussabhand. Hinter dem Tempel schloss sich ein schmaler Gehweg an, der parallel zur Tempelmauer verlief. Ein Hinabklettern war hier nicht denkbar. Entgegen der kunstvollen Fassade der Vorderseite des Tempels hatten sich die Erbauer an der rückwärtigen Mauer den Aufwand gespart. Beobachter, die sich vom Meer aus näherten, mussten den Tempel für ein zwar großes, jedoch kein besonderes Gebäude halten. Der Weg unten fand Verwendung für wenige Tagelöhner, die Kisten und Säcke zu kleinen vor Anker liegenden Küstenseglern schleppten.
"Hmpf?"
"Springen?"
Keinfussabhand glotzte den kleinen Krieger auffordernd an.
Neben weiterem Scheppern erklangen Schritte auf dem Dach hinter ihnen. Hutzel drehte sich nicht um. Es gab dort nichts zu sehen, von dem er nichts wusste. Wütende Tempeldiener mit todbringenden Dolchen. Hutzel Longear deutete hinab auf einen selbst auf diese Entfernung großen und dicken Dreggen, der sich zwei Säcke auf seine Schultern geladen hatte und sich nur langsam den Weg entlang bewegte.
"Treffen wir den?"
"Hmpf!"
"Wer will schon ewig leben?" sprach der kleine Krieger und sprang.
Keinfussabhand hüpfte weniger aufwendig hinterdrein.

***

Ran sah sich in einer Falle. Der Gang, dem er folgen wollte, war ihm unbekannt. Er konnte ihn durchaus so tief in das Gebäude führen, bis zu dem Punkt, an dem es kein Entkommen mehr gab. Links von ihm befanden sich Fensterbögen, die den Blick auf ein ruhiges Meer freigaben. Direkt darunter, so wusste er bereits aus einer äußerlichen Inspektion des Gebäudes, befand sich ein schmaler Weg. Doch der Weg lag auf einer weitaus niedrigeren Ebene als der Eingang des Tempels auf der Vorderseite. Treefnoks konnten einiges aushalten und Baumeister hatten häufig mit minderschweren Blessuren durch Stürze zu tun.
Hoffen und springen, dachte Ran.
Er nahm einen kurzen Anlauf. Und sprang.
Nur ein Augenblick verstrich. Ran sah seine Umgebung kreiselnd an sich vorüber ziehen. Meer und Wand wechselten einander schnell ab. Ehe er sich versah, stabilisierte sich sein Fall. Rans Augen wurden groß. Der dicke Dreggen unter ihm ahnte nichts von dem bevorstehenden Zusammenprall. Er schleppte weiter schnaufend an seiner schweren Last. Ran traf ihn genau zwischen den Schulterblättern.
"Uff!" Der Dreggen brach zusammen.
Der junge Treefnok lag oben auf und war sich uneinig, ob er dem freudigen Gefühl in seiner Magengegend trauen sollte. Langsam schlug er die Augen auf, roch den sauren Schweiß des Dreggen unter sich. Dieser schien bewusstlos, jedoch am Leben zu sein. Rans Körper hob und senkte sich mit den Atemzügen des Dreggen. Sie waren Rücken an Rücken aufeinander getroffen. So hatte Ran jetzt den Blick nach oben frei und sah zwei Fremde, die geradewegs auf ihn zufielen. Erstaunen wandelte sich binnen der Dauer eines Augenzwinkerns in Erkennen. Der kleine rothaarige Mann (jedenfalls glaubte er, dass es ein Mann war) und dieses grüne Wesen kamen in kurzer Folge auf ihn zugestürzt.
Der junge Treefnok hatte das Lachen des Rothaarigen noch im Ohr. Doch nun hatte der Mann, der auf ihn zufiel, nur ein Keuchen übrig. Der Aufprall der beiden Flüchtlinge trieb Ran die Luft aus den Lungen, und er fühlte einen scharfen, schnellen Schmerz, der wie ein Blitz in seinem Inneren aufzuckte und einen dumpfen Druck hinterließ. Alle vier, der Dreggen zuunterst, purzelten durcheinander bis an den Rand des Weges. Die Wellen brachen sich am Gemäuer des Kais. Ran rollte halb mit dem Oberkörper über den Rand. Das Geräusch der Wellen bekam einen unheilvollen Ton für den jungen Treefnok. Ehe er sich versah und nach vorn über kippte, hielt ihn eine Hand am Kragen fest. Nein, es waren derer sogar zwei. Ran wurde von diesen Händen zurückgezogen.

***

Nach der freundlichen Helligkeit des Tages wirkte das Halbdunkel in diesem muffigen Kellerraum befremdlich. Rans Augen gewöhnten sich nur langsam an die Lichtverhältnisse. Gegenüber auf Brusthöhe war ein kleines Fenster, gerade groß genug, um einen jungen Treefnok hindurch schlüpfen zu lassen. Direkt darunter, sitzend, erblickte Ran den rothaarigen kleinen Mann. Ein verschmitztes Lächeln hatte sich in seine Mundwinkel gestohlen, vielleicht auch ein wenig aufmunternd. Als Ran sich bewegte, fühlte er wieder diesen Schmerz. Sogleich zeigte das Gesicht des Rothaarigen Besorgnis.
"Bist du verletzt?"
"Hmpf", tönte es aus einer der finsteren Ecken des Kellerraumes.
"Nicht du, ich meine ihn."
Ran bemerkte, dass die Stimme des kleinen Mannes recht jugendlich klang. Der Rothaarige besaß einen leichten Akzent, aber Ran konnte ihn nicht einordnen. Manchmal erkannte er die Herkunft eines Reisenden an seiner Aussprache. So waren Bewohner der Kernprovinzen leicht zu erkennen, auch die Siedler aus den Grenzregionen hatten mitunter einen Dialekt, dessen verräterische Zwischentöne sich niemals ganz verbergen ließen.
"Verstehst du, was ich sage?" fragte der Rothaarige ihn.
"Es geht mir soweit gut", entgegnete der Treefnok nach einem Zögern. "Ich glaube, ich habe mir einige Rippen verbogen."
"Hmpf."
"Was war das?" Ran blinzelte in die Dunkelheit, doch er konnte niemanden entdecken.
"Mein Gefährte", antwortete der kleine Mann. "Sein Name lautet Keinfussabhand. Mein Name ist Hutzel Longear."
"Du bist kein Dreggen."
"Nein", lachte der kleine Krieger lauthals.
"Hmpf!"
"Ja, ich bemühe mich, leise zu sein, Ka." Hutzel sog die Luft ein. "Es beschämt mich, dass du verletzt wurdest. Wir sollten, sobald die Luft rein ist, einen Heiler aufsuchen. Selbstverständlich bezahle ich ihn."
Ran schüttelte langsam den Kopf. "Das ist nicht notwendig." Traurig senkte er den Kopf. Eigentlich hätte er zornig sein sollen. Sein zweiter wirklich wichtiger Auftrag war binnen Minuten zunichte gemacht worden und vielleicht auch seine Zukunft in der Gilde. Würden sie ihn weiter beschäftigen, wenn die Priester ihn des Diebstahls verdächtigten? Die Antwort war eindeutig. Priester, ganz gleich welchen Kultes oder welcher Religion, waren bedeutende Auftraggeber. Keine Frage, welche Aussage größeres Gewicht bei den Vorstehern der Gilde besaß.
"Ich denke, ihr beide habt mir genug Ärger bereitet", sagte Ran vorwurfsvoll.
Der kleine Krieger senkte betreten den Kopf.
"Hmpf." Keinfussabhand hüpfte mit einem Mal in das spärliche Licht. Ran erschrak. Keinfussabhand, der Walddämon, grunzte leise wie zur Entschuldigung.
"Ich weiß nicht, wer du bist und was du in diesem Tempel gemacht hast", begann Hutzel, "aber offenbar haben dich die Priester unter Verdacht, mit uns unter einer Decke zu stecken. Es tut mir leid." Der kleine Krieger überlegte. "Ich fürchte, sie werden mir nicht glauben, wenn ich sie vom Gegenteil zu überzeugen versuche."
Der Treefnok hatte ihm überhaupt nicht zugehört. Er starrte fortwährend den Walddämonen an, der sich dadurch weder genötigt fand, noch aus der Ruhe bringen ließ. Keinfussabhand sackte bequem auf das mittlere Segement seines Körpers zusammen.
"Was ist er?" fragte Ran vorsichtig.
"Keinfussabhand ist ein Walddämon. Du kannst frei reden. Er versteht dich nicht. Glaube ich wenigstens", meinte Hutzel mit einem Seitenblick auf seinen Freund. "Aber er ist empfindungsfähig und kann Stimmungen wahrnehmen. Ich denke, er spürt deine Schmerzen und deine Enttäuschung."
Den Treefnok hielt es nicht mehr auf seinem Platz. Langsam erhob er sich vom Boden, stellte sich so gut es eben ging auf seine bloßen Füße. Gleich darauf war der kleine Krieger an seiner Seite. Doch seine stützende Hand stieß auf keine Dankbarkeit. Ran schüttelte sie ab.
"Ich werde jetzt gehen." Der Treefnok machte einen Schritt rückwärts, sah noch einmal den Walddämonen an und beließ es bei diesen Abschiedsworten.

***

Im Jahr darauf, ein grandioser Sommer lag hinter den Bewohnern der Kernprovinzen, schritt Ran an einem golden leuchtenden Herbsttag durch die Hauptstadt des Reiches, den Leuchtenden Hort. War auch nur kurze Zeit seit seinem Aufenthalt in Halawat vergangen, so hatte sich der junge Treefnok zu einem gestandenen Mann entwickelt. Sein Gang war hoch aufgerichtet, das Kinn vorgestreckt, so schritt er mit weit ausgreifenden Schritten aus. Die Enttäuschung über die Entlassung aus der Gilde von Halmawat gehörte der Vergangenheit an. Ran hatte großes Glück gehabt, dass ihm nichts Schlimmeres widerfahren war und sie ihn ohne weitere Strafe hatten gehen lassen. Die Priester jedenfalls hatten keinen Gedanken an den Treefnok verschwendet.

Im Leuchtenden Hort war Ran binnen Monaten zu einem respektierten Bildhauer geworden. Zwei seiner Standbilder schmückten eines der Tore der massiven Festung im Herzen der Stadt. Kleinere Büsten, die er gefertigt hatte, waren über viele Herrenhäuser der Hauptstadt verteilt. Der Treefnok hatte einen besonderen Einfall gehabt, um dieses Arbeitspensum zu schaffen. Sich auf seine Wurzeln besinnend hatte er einige Talente eingestellt, die er aus den Reihen seines eigenen Volkes auswählte. Ran stellte die Muster für die Aufträge her, miniaturisierte Figuren und Köpfe, welche seinen Arbeitern als Vorlage dienten. Nur so war es ihm gelungen, seinen Kundenstamm innerhalb des verbliebenen Adels in kurzer Zeit so zu erweitern. Kunst und Effektivität bestimmten sein Handeln. Nicht jeder Auftraggeber interessierte sich für dieses Motto. Manchmal galt es lediglich ein Fest auszustatten, dann war Eile gefragt. Ran betrübte es ein wenig, dass die Arbeiten für einen einzigen Abend herhalten mussten. Doch nach dem Erhalt des Lohns besaß er keine Gewalt mehr über seine Werke. Es blieb ihm ein wehmütiger Blick auf das Standbild oder die Komposition aus Sandstein, und er musste es hinter sich lassen und seiner Wege gehen. Am heutigen Tag gab es wieder ein Fest auszurichten. Die Ernten waren gut gewesen, zweiköpfige Itos und die Grumpf-Herden überschwemmten die Märkte mit ihrem zähen Fleisch.

Sein Auftraggeber, ein selbsternannter Fürst aus den Grenzregionen, hatte die Wirren im Reich genutzt, um in diesem wenig beachteten Teil des Landes seine Machtfülle zu vergrößern. Bald schon hatte er die ersten Häuser im Leuchtenden Hort erworben und damit begonnen, sie seinen fürstlichen Bedürfnissen anzupassen. Lachte die alte Adelsschicht auch über diesen Emporkömmling, gelang es diesem doch vortrefflich das Volk mit Festen auf seine Seite zu ziehen. Fürst Hradan'Gre war ein Mischling. Waren die Kinder von Dreggen und Gardan'Gre beiden Völkern stets ein Ärgernis, vielleicht auch ein Greuel, war es Hradan doch gelungen, sich über seine Herkunft zu erheben, sie teilweise sogar zu verschleiern.
Noch vor drei Jahren wäre es undenkbar gewesen, einen mit Macht ausgestatteten Gardan'Gre in der Hauptstadt zu sehen. Und eine Utopie zu behaupten, dass einer seines Volkes Häuser im Leuchtenden Hort besitzen würde. Der Adel wagte es nicht dagegen aufzubegehren, denn das Volk hatte es gelernt, die Auseinandersetzungen und die Kriege zu hassen, weil sie, alle wie sie da waren, tief in ihrem Herzen wussten, dass die dunkle Zeiten wieder auferstehen würden. Nicht heute, nicht morgen, so doch irgendwann. Und in der Zwischenzeit wünschte das Volk sich Frieden. Und Feiern. Für Hradan hatte es keine Anstrengung bedeutet dieses Bedürfnis zu erkennen und für seine Zwecke zu nutzen. Nachdem er die Priester in Gre'Affan auf seine Seite gezogen hatte, somit die Kontrolle über die Gladiatorenspiele besaß, war es bis zum Leuchtenden Hort nur noch ein kurzer Schritt. Wenn auch ein mutiger. Denn der Adel der Dreggen wurde von Missgunst beherrscht, und ein Gardan'Gre-Mischling in Herrscherkreisen, dessen war sich Hradan gewiss, würde Meuchelmörder anziehen, wie ein Licht in finsterer Nacht Blutfalter anzog.
Der Treefnok, der nun einmal mehr einem Fürsten unter die Augen trat, war mit seinen Gedanken ganz woanders. Politische Eigenarten und taktische Winkelzüge sagten ihm nichts.

Ran kannte Hradan bereits. Aus der Ferne hatte er den Gardan'Gre mit seinem Gefolge auf einem der Märkte beobachtet. Nah an ihn heran zu kommen, wie es stets der Fall war bei Angehörigen des Adelsgeschlechtes, war unmöglich. Hradan gab sich volksnah und hielt es sich trotzdem vom Leib. Am großzügig verzierten Eingangsbereich von Hradans Haus im nördlichen Teil des Leuchtenden Hortes behielt ein halbes Dutzend Wächter den Ankömmling scharf im Auge. Diese Krieger waren aus anderem Holz geschnitzt als jene, die Ran aus Halmawat kannte. Zwei von ihnen traten ihm entgegen, noch bevor er einen Fuß auf die Stufen zum Haus gesetzt hatte. Mit bewegungsloser Miene nahmen sie ihn zwischen sich und eskortierten den Treefnok durch das Portal.
Natürlich hatte Ran allein durch seine Arbeit seine Muskeln entwickelt, keinesfalls kam er sich schmächtig vor, doch zwischen diesen beiden Giganten einher zu marschieren, die nichts als brutale Kraft ausstrahlten, gab ihm ein ziemliches Gefühl der Schwäche.
Innen war die Ausgestaltung der Räumlichkeiten freundlicher und geschmackvoller, als es Ran erwartet hatte. Wer Farben und Details auch arrangiert haben mochte, er hatte es mit einem sicheren Gespür für Individualität und Stil getan.

"Djalran Destin De'Dan!" schallte es von einer Empore herab. Oben stand Hradan'Gre mit weit ausgebreiteten Armen und sandte dem Treefnok ein strahlendes Lächeln. "Endlich begegne ich dem aufstrebenden Meister der Bildhauergilde! Wartet, mein Bester, ich komme zu Euch!"
Einen solch herzlichen Empfang war Ran nicht gewöhnt. Schätzte man auch seine Arbeit, betrachteten ihn seine Auftraggeber trotzdem hochnäsig von oben herab. Wenige Augenblicke später kam Hradan hinter einem Wandvorhang hervor. Er war tatsächlich außer Atem.
"Mein lieber Djalran", begrüßte der Fürst den Treefnok erneut von Angesicht zu Angesicht. Die feingliedrigen Hände des Gardan'Gre legten sich entspannt, aber auch tatkräftig auf Rans Schultern. "Was freue ich mich, Euch endlich einmal zu begegnen! Nun", korrigierte sich der Fürst, "das hört sich so an, als wäret Ihr schon ewig in dieser Stadt. Ihr seid es ebenso wenig wie ich. Doch es erscheint mir so." Hradan atmete auf und ließ den Treefnok los, der wie vom Schlag gerührt dastand. "Wie dem auch sei, lasst uns speisen und Euren Auftrag besprechen."
Aufmerksam verfolgt durch die beiden Wächter, geleitete der Fürst den Bildhauer in einen angrenzenden Raum. Dieser war noch schöner gestaltet als der vorherige. Und Ran glaubte hier auch die Ursache für den Feingeist zu finden, der durch das Gebäude schwebte. In der Mitte des kreisrunden Zimmers stand, so wunderschön anzuschauen wie alles andere auch, eine hochherrschaftlich gekleidete Dreggen. An einem von der Decke herabgelassenen Leuchter entzündete sie der Reihe nach Kerzen.
"Ah", tönte Hradan und senkte seine Stimme sogleich. "Mein Freund, Ihr habt die Ehre diese wunderbare Frau kennen zu lernen." Und mit wahrhaftigen Respekt gesprochen: "Ihr verdanke ich alles, was ich bin." Er legte dem Treefnok den Arm um die Schultern. "Ich würde sterben für diese Frau." Aber sogleich lächelte er spitzbübisch und meinte: "Doch ich muss nicht, oder?"
Die Szene verwirrte Ran zusehends. Zur Antwort nickte er, dann schüttelte er den Kopf, unschlüssig, welche Aussage nun passend wäre.
Hradan überspielte die Verlegenheit seines Gastes charmant. "Verehrteste, darf ich Euch den kommenden Stern am Himmel der Künste des Leuchtenden Hortes vorstellen: Djalran Destin De'Dan."
Die Frau senkte wahrhaft hoheitsvoll das Haupt, wenngleich nicht zu tief, so schloss sie doch für einen Moment die Lider.
"Mein Stern", sagte der Fürst, "ich habe dem Meister ein Mahl versprochen. Bitte sage den Dienern, sie sollen im kleinen Saal servieren." Hradan sprach sanft, mit einem Ton wahrer Ehrfurcht zu seiner Frau. Ran empfand nicht weniger bei dieser Szene, kam es doch selten vor, dass Angehörige verschiedener Volksgruppen sich miteinander verbanden. Und selbst jene, die einander wirklich verbunden fühlten, fürchteten unterschwellig stets Repressalien durch das Volk, dem der jeweilige Partner angehörte. Oder schlicht durch alle, die sie zusammen sahen.
Die Frau schenkte den beiden so unterschiedlichen Männern ein Lächeln und ging durch einen schmalen Durchgang in ein angrenzendes Zimmer.
Hradan nahm den Treefnok am Ellenbogen und führte ihn weiter durch das Haus. Bevor sie schließlich in einem in blau und lila ausgeschmückten Speisezimmer anlangten, hatte Ran viele Räumlichkeiten gesehen, die ansprechend waren, einen herrschaftlichen Charakter besaßen und dennoch wohnlich waren. Er fühlte sich wohl, ja, er hatte sich entspannt und glaubte der Freundlichkeit seines Gastgebers ohne Einschränkungen. Es bestand kein Anlass für Befürchtungen, dass irgendetwas oder irgendjemand diese beschauliche Atmosphäre in diesem Augenblick stören könnte. Aber das Leben erkennt den Wert von Momenten für den Einzelnen nicht. Es setzt einen Schritt vor den anderen, die Richtung ist ihm egal.

***

Die vielen verschiedenen Volksgruppen im Leuchtenden Hort bevorzugten die unterschiedlichsten Wege in der Stadt. Einige zeigten sich gerne auf den Hauptstraßen, andere waren gezwungen ihre Waren durch die engeren Versorgungswege zu transportieren und wieder andere boten ihre Dienstleistungen in den finstersten Gassen feil. Und eine kleine Gruppe von Lebewesen bevorzugte den Weg in luftigen Höhen - über die Dächer.

Dem kleinen Krieger war nicht wohl bei dem Anblick der sehr tief unter ihm liegenden Straße. Selbst für ihn, der häufig auf Dächern, Felsen und Bäumen umher kletterte, bedeutete die verwinkelte Struktur des Gebäudes eine Herausforderung. Um jeglicher Behinderung vorzubeugen hatte er sogar seine Haare hinter seinem Kopf zusammengebunden.

"Hmpf."
"Ja, ich weiß, dass ich lächerlich aussehe."
Vor den beiden Freunden, dem Longear und dem Walddämonen, stieg das Dach äußerst flach zu einer niedrigen Kuppel aus buntem Glas an. Die einzelnen Scheiben wurden durch stabile Metallstreben getragen. Die Abstände zwischen den Streben waren sehr eng gefasst. Ein ausgewachsener Dreggen, noch ein Jugendlicher, würde sich nicht durch die Zwischenräume quetschen können. Aber der kleine Krieger war kein Dreggen. Longears waren klein, kleiner als so manches andere Volk im Reiche der Dreggen.
Die Kleinen wurden häufig übersehen und noch weniger traute man ihnen zu. Ein Fehler, den die Reichen und Mächtigen oft begingen.

Fortsetzung folgt

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