Der Unterhandel
Eine Geschichte aus der Welt des kleinen Kriegers (www.kleinerkrieger.de) von Michael Nolden.

 
Auf den beiden Seiten des Flusses Chortach standen sich die rivalisierenden Gruppen der Djeloscha gegenüber. Hutzel Longear und sein Freund, der Walddämon Keinfussabhand, standen besorgt und unschlüssig auf einer schmalen Insel inmitten der träge dahinfließenden Wellen zwischen den Kontrahenten.

Djeloscha waren nicht für Diplomatie im herkömmlichen Sinne bekannt. Für sie bedeutete ein Kampf zweier Volksgruppen nichts anderes als eine politische Auseinandersetzung. Wenigstens so viel hatte der kleine Krieger bei seinem Aufenthalt in diesem Land herausfinden können. Gerne, sehr gerne, hätte er sich aus diesem Zwist herausgehalten, aber das war nicht möglich. Ein Versprechen band ihn an diese Mission.
"Wenn du einen Vorschlag hast, Ka, dann ist wohl jetzt die letzte Gelegenheit dazu", flüsterte Hutzel dem Walddämonen zu.
Keinfussabhand schnaufte zur Antwort. Es war sein üblicher geringschätziger Kommentar, den er stets in ausweglosen Situationen hören ließ.
"Danke!" Hutzel beobachtete, wie sich am linken Ufer eine Delegation aus fünf Tchok-Djeloscha aus der Masse des Heeres löste. Gegenüber verhielten sich die Umrak-Djeloscha ruhig. Diese Volksgruppe konnte nicht schwimmen und würde warten, bis er zu ihnen übersetzte.

Der kleine Krieger senkte kurz den Blick, ein gedankliches Stoßgebet an seinen Vulkangott. Keinfussabhand kannte diese Prozedur und schnaufte, weil er die Unwirksamkeit dieser Gebete kannte. Im Gegenteil, nach solchen Gebeten waren sie erst recht in Schwierigkeiten geraten. Vor Hutzel steckte sein Schwert im Inselboden. Er nahm es an sich. Verhandlungen der Djeloscha wurden immer bewaffnet geführt. Dies traf auch auf Unterhändler zu. Kein Insektoid würde die Meinung eines Unbewaffneten respektieren.
Die Tchok-Djeloscha wateten in den Fluss. Bei ihrem Anführer handelte es sich um ein beeindruckendes Exemplar. Der Körper glühte von innen heraus grünlich, was Hutzel seinen Informationen zufolge als Zorn oder Kampfesdrang interpretierte. Ein schlechtes Zeichen. Andererseits waren die Gefühle der Djeloscha an den Fingern einer Hand abzuzählen. Echter Zorn war selten und in diesem Fall gab es dafür einfach keinen Grund. Jedenfalls aus Sicht der Djeloscha.
Vor zwei Tagen hatte sich eine Drohnengruppe der Umrak auf dem Rückweg des alltäglichen Melkeinsatzes befunden. Mit auf den Rücken prall gefüllten Milchsäcken waren sie schon weit zwischen den verschiedenen Djeloscha-Territorien vorangekommen, als sie einer hungrigen Kampfeinheit der Tchok begegneten. Selbst innerhalb der Djeloscha waren die Tchok für ihre extreme Aggressivität bekannt. Die Umrak hatten ihre für Drohnen typisch demütigen Gesten gezeigt. Ihre Kiefern erzeugten klackende Bittgeräusche. Leider beeindruckten jene Zeichen die Tchok wenig. Ihr Hunger überwog die anerzogenen Verhaltensweisen. Die Krieger der Tchok fraßen die Drohnen der Umrak auf. Die Milch rührten sie nicht an. Ihre alte Gesellschaftsstruktur war nie auf landwirtschaftliche Erzeugnisse ausgerichtet gewesen.

Dem kleinen Krieger war fremdartiges Verhalten nicht unbekannt. Zahllose Rituale hatte er auf seinen langen Reisen kennen gelernt, nicht immer hatte er sie auch verstanden. Die Gefühlskälte der Djeloscha war ihm ein auf ewig verschlossenes Rätsel.
Ohne jede Betroffenheit hatten die Umrak von dem Vorfall Kenntnis genommen. Gefressen zu werden schien ein Bestandteil der Djeloscha-Gesellschaft zu sein, dem ein Insektoid wenig Beachtung schenkte. Was weitaus schwerer wog, war der Umstand, dass es sich bei diesem Vorfall auf die Tchok bezog. Eben mit diesem Volksstamm existierte ein Abkommen, Drohnen beider Seiten in Frieden ihrer Wege ziehen zu lassen. Tl'umrak, Ratsmitglied im Kollegium der 113 Djeloscha-Völker, hatte Hutzel auf den Mangel an Drohnen beider Seiten hingewiesen.
"Nicht viele Arbeiter nennen die Umrak und die Tchok ihr eigen. Die Hälfte unseres Nachwuchses stirbt. Wir wissen nicht warum", hatte Tl'umrak gesagt.

Hutzel war nervös im Schneidersitz auf seinem Hosenboden herumgerutscht. Er hatte nach den richtigen Worten gesucht und gehofft, er würde sie finden. Die Universalsprache der Djeloscha machte eine Übersetzung nicht einfach. Die größten Schwierigkeiten bereiteten ihm die Klacklaute. Ein Blick ringsherum zeigte ihm den Harem von Tl'umrak mit schamvoll gesenkten Köpfen. Jedenfalls hatte er gemeint, die Umrak würden sich wegen ihres sterbenden Nachwuchses schämen. Wahrscheinlich würde er sich deswegen niemals sicher sein.
"Und wenn ihr", hatte der kleine Krieger begonnen, "selbst arbeiten würdet. Eure Anzahl ist doch groß genug. Ich meine, eure Krieger, eure Weibchen."
Ein Blitzen war in den pechschwarzen Augen der Umrak-Weibchen erschienen. Hatte er sie schockiert?
Tl'umrak war dem kleinen Krieger eine Antwort nicht schuldig geblieben. "Unsere Weibchen und unsere Krieger arbeiten nicht, kleiner Krieger! Niemals! Ihr Zweck ist die Arbeit nicht. Sie sind nicht dafür geschaffen. Weibchen gebären, Krieger kämpfen, Arbeiter dienen. Das ist unsere Struktur."
Hutzel wollte die Umrak nicht über Gebühr reizen, denn selbst das kleinste Weibchen war viermal so groß wie er. "Was ist, wenn die Zahl eurer Arbeiter noch weiter abnimmt?"
"Dann werden wir sterben", hatte Tl'umrak ihm geantwortet. "Die einzige Frage lautet, wie werden wir sterben? Im Kampf gegen die Tchok?"
Hutzel hatte darauf nichts zu entgegnen gewusst und kannte die Antwort auch jetzt noch nicht.

Die Abordnung der Tchok-Djeloscha befand sich nun an der tiefsten Stelle des Flusses. Mühelos glichen sie die Stärke der Strömung aus, gegen die der kleine Krieger nur mit wildem Rudern angekommen war. Köpfe und Hinterleiber ragten zur Hälfte ballonartig aus dem Wasser. Ab und an konnte Hutzel ihre Augen zwischen den Wellen entdecken. Einen Blick in solche Augen zu werfen, kam dem Fall in einen tiefen Abgrund gleich. Darin gab es nichts. Nur Schwärze. Er fragte sich, wem es gelungen sein mochte, die Djeloscha zu versklaven. Kein anderes Volk, dem er zuvor begegnet war, kam diesen Insektoiden gleich.
Der zuvorderst schwimmende Tchok-Krieger hob ruckartig den Kopf und sofort beendete Hutzel seine Gedanken. Das Klappern seiner Zähne war nicht die Einübung djeloschanischer Laute, sondern ein Geräusch, das purer Angst entsprang. Beinahe wünschte er, eine stärkere Strömung würde die Tchok mit sich reißen, doch der Fluss tat ihm diesen Gefallen nicht. Außerdem wartete am anderen Ufer eine zu gewaltige Anzahl der Krieger. An Ersatz für eine verloren gegangene Delegation bestand also kein Mangel.
Bald schon erreichten die Tchok den Uferstreifen der Insel. Abperlendes Wasser ließ sie in der Sonne glitzern, als habe ein Zauberer ihnen einen diamantenen Panzer angehext. Dieser zauberhafte Anblick nahm den Insektoiden nichts von ihrer bedrohlichen Ausstrahlung. Der Anführer stellte sich auf die Hinterbeine und richtete sich zu seiner vollen Größe auf.
Die Umrak waren zu dieser Haltung nicht fähig. Um so grausiger war es für den kleinen Krieger zu sehen, wie gleich fünf dieser Ungetüme auf ihn zukamen, während er reflexartig einen Schritt zurück machte. Einzig ein ausgewachsener Feuerwächter hätte neben diesen Kämpfern bestehen können.
Hutzel Longear senkte das Haupt. Einmal mehr klapperten seine Zähne, die Begrüßungsworte verfälschend. "Ich heiße die Krieger der Tchok-Djeloscha willkommen und diene mich ihnen in aller Ehrfurcht als Vermittler in diesem Konflikt mit den Umrak-Djeloscha an." Nun galt es, auf jede Bewegung zu achten.
Der Anführer der Tchok rammte seinen Kampfstab in den Boden. "Nenne mich Mon'Tchok, kleiner Krieger."
"Ich grüße dich", sagte Hutzel und breitete die Arme aus.
Die Kiefer des Tchok öffneten und schlossen sich langsam. Sich auf die mittlere Sektion der Extremitäten niederlassend, führte Mon'Tchok seinen Kopf an das noch immer gesenkte Gesicht des kleinen Kriegers heran. Fühler tasteten die wirre, rote Haarflut Hutzels ab. Der kleine Krieger presste die Zähne zusammen. Bloß keine Schwäche zeigen, nicht in diesem Moment.
"Außergewöhnlich!" Mon'Tchok richtete sich erneut auf. "Die Angehörigen meines Volkes haben lange nicht Weichwesen wie dich gesehen. Schon gar nicht derart kleine."
Hutzel hob den Kopf und starrte in diese dunklen Augen. "Ihr bewertet Krieger nach ihrer Größe?"
"Wir bewerten Kraft."
Der kleine Krieger schluckte geräuschlos. Hoffnungslosigkeit machte sich in ihm breit. Nur Kraft. Kein Mut, keine Schläue, kein taktisches Geschick. Mon'Tchok zu beeindrucken, schied als Verhandlungsmittel fast aus. Wie sollte er sich als Unterhändler Respekt verschaffen, wenn dieses Volk nichts auf hergebrachte Tugenden hielt?
"Bist du stark genug, kleiner Krieger? Kannst du im Kampf gegen mich bestehen?"
"Warum sollte ich im Kampf gegen dich bestehen?" fragte Hutzel, obwohl er die Antwort bereits ahnte.
"Die Tchok-Djeloscha können keinen Unterhändler respektieren, der ihnen nicht an Kraft gleichkommt, wenn nicht gar überlegen ist."
Panik erfasste den kleinen Krieger. Gleichzeitig wurde er wütend auf Tl'umrak. Warum hatte dieser greise Insektoid ihm nichts von diesen Regeln gesagt? War ihm vielleicht an keiner Verhandlung gelegen? Wollten diese Volksgruppen einfach ihren vorbestimmten Untergang beschleunigen?
"Der kleine Krieger kämpft nicht allein", entfuhr es Hutzel.
Mon'Tchok beugte sich interessiert vor.
"Du willst die Umrak gegen uns anführen?"
Hutzel ließ sich zu einem Kopfschütteln hinreißen, nicht wissend, ob eine Geste dieser Art eine Bedeutung für die Djeloscha besass. "Nichts liegt mir ferner als das", antwortete er. "Ich bin nicht allein. Du siehst zwei vor dir, die eins sind."
Keinfussabhands Augen weiteten sich während einer Schrecksekunde und er entrang sich ein entsetztes Schnaufen. Ist mir vielleicht diese wahnwitzige Einmischung eingefallen, schien dieser Blick zu schreien.
"Zwei, die eins sind?" Der Insektoid schreckte zurück. "Weichwesen wie du können sich nicht vereinen!"
Das scheinbare Erschrecken war für Hutzel nicht zu deuten, und Keinfussabhand war es schlicht gleichgültig.
"Wer einen von uns herausfordert, fordert beide heraus. Das ist dort, wo ich herkomme, so Sitte", log Hutzel.
Warum weiß ich davon nichts, dachte der Walddämon an seiner Seite.
Die verbliebenen vier Tchok schlossen zu ihrem Anführer auf. Möglich, dass sie dem Dialog besser folgen wollten, möglich auch, sie hatten vor, ihm beizustehen, weil die Verkündung des kleinen Kriegers ungeheuerlich schien.
Hutzel brach der Schweiß aus. Die Tchok hatten ihn und Keinfussabhand vollständig umringt. Ein Entkommen war undenkbar. Der kleine Krieger wägte kurz die Überlebenschancen ab, schätzte, wie weit Keinfussabhand seinen Unterkiefer auszuhängen vermochte, um alle fünf aufzufressen. In diesem besonderen Fall jedoch würden auch alle Magensäcke des Walddämonen nicht ausreichen. Nicht einmal für einen der Insektoiden.
Mon'Tchok wandte sich nun dem Walddämonen zu, der seine Aufregung hinter seinen stetig hinterlistig glimmenden Augen verbarg. Fühler streiften die Hand auf Keinfussabhands Kopf, betasteten die blasenartigen Auswüchse seines Wurmkörpers.
Der kleine Krieger nahm einen seltsamen Geruch wahr, nicht zum ersten Mal in diesen Tagen, und er vermutete mehr und mehr, dass es sich dabei um eine weitere Form der Kommunikation unter den Djeloscha handeln mochte. Oft variierten sie zwischen beißend und süßlich, aber die Situationen hatten ihm keinen Rückschluss gegeben, ob es sich vielleicht um eine Gefühlsäußerung der Djeloscha handelte. Hutzel hatte Gerüche in ähnlicher Form bei Fandos, Katzen und Eisriesen erfahren und nie hatten sie etwas Gutes verheißen.
"Zwei, die eins sind", flüsterte es von allen Seiten. "Zwei, die eins sind." Die nächste Handlung der Tchok kam völlig unvorhergesehen. Die übrigen vier senkten ihre Waffen.
Geistesgegenwärtig stellte sich Hutzel auf die veränderte Situation ein. "Was ist nun? Müssen wir immer noch kämpfen? Oder nehmt ihr mich als Unterhändler an?"
Für den kleinen Krieger unendlich langsam traten die vier Tchok mehrere Schritte zurück, und Mon'Tchok breitete die oberen Extremitäten aus. "Es gibt keinen Zweifel mehr daran, dass du würdig bist zwischen den Tchok und den Umrak zu vermitteln." Auch der Anführer nahm seine Waffe an sich. Seine Kiefern bewegten sich wie zu unhörbaren Worten. Lange ruhten seine Augen auf den beiden ungleichen Freunden. "Wisse aber, dass die Tchok an einem Erfolg deiner Mission zweifeln. Nie hat es ein Abkommen gegeben, um einen unbegründeten Frieden zu erreichen. Ich verspreche dir, wir werden geduldig sein. Vielleicht überraschst du uns."
Ich hoffe es, dachte Hutzel aufatmend. "Ich werde euch nicht enttäuschen", sagte er. Der kleine Krieger ließ seine Arme sinken, die inzwischen zittrig geworden waren.
Keinfussabhand gab seinen verkniffenen Gesichtsausdruck auf. Er hatte nichts gegen einen Kampf, ja, er fühlte sich sogar einem Gegner wie einem Fando gewachsen, doch hier hätte er an die Grenze gehen müssen. Fast fürchtete er, seine dämonischen Qualitäten hätten nicht ausgereicht. Sein Schnaufen war selbst für Hutzel nicht zu deuten.
Hutzel Longear senkte ehrfürchtig den Kopf, entfernte sich langsam rückwärts und zog den Walddämonen mit sich.
Die Verhandlungsaufnahme mit den Umrak musste sich einfacher gestalten, allerdings fürchtete er auch, sie würden ebensowenig von ihren althergebrachten Regeln abzubringen sein. Für Kompromisse gab es in dieser Gesellschaft keinerlei Grundlagen. Aber es musste eine Lösung geben, es musste einfach. Hutzel war des Krieges müde geworden. In den vergangenen Jahren waren nicht nur Freunde gestorben.
Völker waren zerbrochen, Reiche untergegangen. Leid, Elend unter Kindern der Dreggen, der auferstandenen Kröten, Kämpfe der Vampirelfen und Katzen gegen die Eisriesen. Unsagbare Greuel der Drachen- und Feen-Allianz gegen die dunklen Horden von Tshenja'Nat. Magische Explosionen, ausgebrannte Dörfer und Städte, Vertriebene, Piraten und Marodeure, die sich über die Reste von einst stolzen, unbeugsamen Wesen hermachten.
Hätte er nicht die Liebenden gesehen, enge Freunde wie Wakassi und Nedani, nach langer Trennung wieder vereint, hätte er nicht Gefährten gehabt, Rotan und Feeial und allen voran natürlich Keinfussabhand, sprachlos und treu, wäre seine eigene kleine Welt lebensunwürdig gewesen, hätte er keinen Grund gesehen, Begegnungen mit anderen Wesen auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken.

"Ich wünschte, du könntest mir Rudern helfen", zischte Hutzel angestrengt zwischen den Zähnen hindurch. Einige zusammengebundene Baumstämme dienten als behelfsmäßiges Boot.
Keinfussabhand lächelte unergründlich.
"Ja, ja, ich weiß, du hast nur eine Hand. Das ist eine ganz billige Ausrede", keuchte Hutzel.
Habe ich etwas gesagt, dachte der Walddämon.
"Du könntest wenigstens etwas tun, irgendwas!" Das Boot kam so eben gegen die Strömung an. "Ich kann wirklich Hilfe brauchen, mir geht die Kraft aus!"
Der Walddämon schmiegte sich an den Rücken des kleinen Kriegers.
"Keinen Trost, Kraft!"
Keinfussabhand hüpfte an das Heck des Bootes und tauchte das stachelbewehrte Schwanzende in die Wellen. Schnell wedelte er damit unter Wasser hin und her. Es half ein wenig. Der kleine Krieger konzentrierte sich mehr auf das Fortkommen, als auf den puren Widerstand.
Auf und ab ging es. Das Wasser überspülte die Baumstämme. Durch schlichtes Glück verblieb Hutzel Longear auf dem Boot und rutschte nicht herunter.
Von Seiten der Umrak hielt es keiner für nötig zu Hilfe zu eilen. Sie hielten sich vom Ufer fern. Hinter den beiden Freunden auf der Insel beobachteten die Tchok das Geschehen, dachten aber auch keinesfalls daran durch ihre Kraft eine sichere Überfahrt zu gewährleisten.
Vulkangott hilf, betete Hutzel. Die wollen nicht, dass ich ihnen helfe. Sollen die Feuerwächter sie holen! Warum gebe ich mir die Mühe?
Eine mächtige Welle schüttelte das Gefährt durch.
"Streng dich an, Ka! Wir saufen sonst hier ab!" Hutzel wechselte das Paddel auf die andere Seite, gleichte mühsam die Richtung aus, damit sie nicht in eine unkontrollierte Drehung verfielen. "Stärker, stärker! Wir haben es nicht mehr weit!"
Der Walddämon sonderte einen dünnflüssigen Schleim ab. Sein Körper erhitzte sich zu stark und Hitze war nicht die angenehmste Temperatur für einen seiner Art. Er imitierte weiterhin den seltsamen Antrieb, den die beiden bei einem genialen Erfinder der Vampirelfen entdeckt hatten. Es gelang. Die Entfernung zum Ufer schrumpfte in sich zusammen.
Dort trat Umrak aus der Deckung seiner Volksgruppe hervor. Auf seinen sechs Beinen verharrte er düster starrend, eine weitere Statue, nur wegen seiner charakteristischen Färbemerkmale zu identifizieren. Hutzel konnte nicht anders. Er schalt sich einen Narren, für dieses Volk einzutreten.
Das Boot knirschte über den ansteigenden Boden des Flusses. Diese hoffnungsvollen Geräusche gaben dem kleinen Krieger einen letzten Ansporn. Er paddelte schneller und wilder als zuvor. Endlich lief das Boot auf den Ufergrund. Zwar riss die Strömung noch an dem Gefährt, konnte ihm jedoch auf kurze Sicht nichts anhaben. Hutzel schwang sich auf die Füße, warf das Paddel das Ufer hinauf und sprang in das für ihn noch knietiefe Wasser.
Keinfussabhand hüpfte an ihm vorbei, während der kleine Krieger an den Stämmen zerrte und so das Boot weiter in Sicherheit brachte. Vor einem neuerlichen Übersetzen graute ihm jetzt schon. Er rieb sich die wunden Hände, zupfte an einigen Splittern, die vom Paddel hineingetrieben worden waren. Die Unannehmlichkeiten würden keinem Vergleich zu den Anstrengungen, die ihm noch bevorstanden, standhalten.

"Was heißt, du hast gewusst, die Tchok würden mit mir kämpfen wollen, bevor sie mich als Unterhändler akzeptierten?" Hutzel schritt aufgebracht vor Tl'umrak auf und ab.
"Ich habe es vermutet. Gewusst habe ich es nicht. Unterhändler gab es bei uns noch nie. Und es gab erst recht keine, die nicht den Djeloscha entstammen. Unser Misstrauen den Weichwesen gegenüber ist viel zu groß."
"Was erwartest du von mir? Misstraust du mir auch?"
"Ich misstraue dem kleinen Krieger nicht", entgegnete der Umrak müde. "Ich sehe in ihm einen unerwarteten Freund. Djeloscha sind Freunde anderer Völker fremd. Wir sind so anders als Weichwesen. Ansiedlungen deiner Art sind so weit entfernt, dass wir seit vielen Generationen keine gesehen haben. Wir haben es selbst so gewollt. Das Kollegium wollte es so." Tl'umrak machte eine bedeutungsschwere Pause. "Ich vermute, der Niedergang der Tchok, Umrak und anderer hängt mit diesem Umstand zusammen. Unsere Erinnerungen berichten von den Zeiten, als wir Sklaven waren. Es erging uns schlecht, doch niemals danach war mein Volk größer an der Zahl. Schuld daran waren nicht die Verluste durch die Rebellion. Diese waren nur gering, so gering wie bei allen Djeloscha."
Hutzel wartete.
"Unsere Herren haben uns nichts Lebensnotwendiges gegeben, sie haben immer genommen. Ich habe lange nachgedacht, aber es gibt dort nichts. Alle Djeloscha des Kollegiums haben nachgedacht."
"Wie lange habt ihr nachgedacht? Einen Tag oder zwei?" Hutzel machte seinem Zorn Luft.
Tl'umrak, dessen Gefühle infolge seines Alters einen Schock benötigten, um aufzuwallen, blieb ruhig. "Wir haben sehr lange nachgedacht. Länger als ein Lebensalter eines Weichwesens."
Die Umrak um ihn herum klackten mit ihren Kiefern. So mancher rieb die Kriegshörner ihrer Köpfe gegen einen Stein. Vielleicht wollten sie so ihre mächtigste Waffe schärfen.
Hutzel setzte sich und versank in dumpfes Brüten. Schließlich schaute er auf. "Was bedeutet: Zwei sind eins?"
"Es ist eine Legende. Aus den Tagen, als die Djeloscha Verbindungen eingegangen sind. Das ist sehr lange her. Es hieß, wir seien voneinander abhängig. Es hieß, es gebe weder Krieger, Arbeiter noch Gebärende. Es hieß, wir wären eins gewesen in unterschiedlicher Form. Die Djeloscha halten diese Form des Lebens für unmöglich und das Gedankengut eines Greises."
In die Reihen der Umrak geriet Bewegung. Große schwarze Augen blickten hektisch hin und her, Wortfetzen schlugen über dem kleinen Krieger zusammen, so dass er nichts verstehen konnte.
Er sprang auf die Füße. Hinter den gewaltigen Köpfen der Umrak tat sich etwas auf den Hügeln. Am anderen Ufer formierten sich die Reihen der Tchok neu. Hutzel sah Mon'Tchok in die Luft deuten.
"Was ist los?"
Flinke Schatten sausten sirrend und brummend über die Heere beider Seiten hinweg. Die Geräusche wurden ohrenbetäubend.
Tl'umrak hatte den kleinen Krieger nicht verstanden, da dieser in seiner Muttersprache gefragt hatte, allerdings wiederholte er ständig das Wort: "Meerish!"
"Meerish, was? Was bedeutet das? Rede mit mir, Tl'umrak!"
Ringsherum auf den Hügeln, an den Schmalspitzen der Insel im Fluss landeten waffenstarrende Insektoiden. Ihre Köpfe schmückten stachelige Helme, eine große Anzahl führte auf gleiche Art bewehrte Kampfstangen und Schilde mit sich. Ihre Flügel brummten in einem fort, verbreiteten offensichtlich Panik unter den Tchok und Umrak.
"Aasfresser, kleiner Krieger. Die Meerish sind Aasfresser. Sie fallen über Tote und Sterbende her. Meerish - sind die größte Volksgruppe unter den Djeloscha. Unser Konflikt wird für sie ein Festmahl."
Keine Ansammlung von Kriegern war für Hutzel Longear so überwältigend gewesen wie diese. Was sollte sie aufhalten, dachte er. Ein Drache? Dieser geballten Macht stände auch eines der mächtigsten Wesen, das der kleine Krieger je gesehen hatte, voller Ohnmacht gegenüber.
"Dann darf es zu keinem Konflikt kommen." Hutzel zwängte sich zwischen den Umrak hindurch, ging zu Keinfussabhand hinüber, der das Geschehen ebenfalls mit großen Augen verfolgte. Keiner der Umstehenden beachtete die beiden Freunde, als der kleine Krieger dem Walddämonen etwas zuflüsterte und dieser sogleich unter den Umrak und um sie herum weg hüpfte.
In Ufernähe sprang Hutzel die Arme schwenkend in die Höhe. Er versuchte Mon'Tchok auf sich aufmerksam zu machen. Die Delegation hatte die Kampfstäbe in die Luft gerichtet, obwohl sie doch wissen sollten, dass die Meerish zu diesem Zeitpunkt noch keinen Angriff unternehmen würden. Schließlich ließ Mon'Tchok doch noch den Blick schweifen, und er sah den kleinen Krieger. Hutzel winkte, forderte ihn auf, zu ihm herüber zu kommen.
Dem Tchok fiel es augenscheinlich schwer, sich auf diese neue Situation einzustellen. Er machte seine Begleiter auf den kleinen Krieger aufmerksam. Eine kurze Beratung erfolgte. Beinahe hätte der kleine Krieger an keine Reaktion mehr geglaubt, als sich die gesamte Gruppe wohl dazu entschloss auch den Rest des Flusses zu überqueren. Wieder tauchten die Tchok in die Fluten ein. Hutzel begab sich zu der Stelle, wo er das Boot gelandet hatte und erwartete sie dort.
Das Durchqueren des Flusses gestaltete sich schwieriger als zuvor. Ein Tchok driftete von der Gruppe ab. Sein Kampfstab ging verloren und trieb den Fluss hinab. Ein Schwarm der Meerish stieg auf, flog über die Schwimmenden hinweg, sehr dicht und nicht wenige hieben mit ihren Stäben nach den Tchok. Aber diese ließen sich nicht beirren. Sie kämpften tapfer gegen den Fluss - sofern Tapferkeit für sie einen Wert besass.
Hutzel fieberte mit ihnen. Vieles um ihn erinnerte an ähnlich kritische Geschehnisse. Leider endeten sie nicht immer gut. Sie mussten es schaffen.
"Schwimmt!" schrie der kleine Krieger. "Schwimmt!" Er scherte sich nicht um die umstehenden Umrak. Sollten sie ihn für einen seltsamen kleinen Wicht halten. Hutzel schrie seine Kehle heiser und hörte erst auf, nachdem sich Mon'Tchok bereits am Ufer aufrichtete und das Ankommen seiner Gefährten verfolgte.
"Dem Vulkangott sei Dank!" Unbemerkt wischte er sich Tränen aus den Augenwinkeln.

Mon'Tchok trat auf ihn zu. "Was machst du da?"
"Nichts", entgegnete der kleine Krieger und rieb zuletzt über seine ausladenden Augenbrauen. "Gar nichts. Lass uns reden. Die Lage ist ernst."
"Ernst? Du meinst die Meerish? Es ist die Aufgabe der Meerish, Konflikten beizuwohnen."
"Es ängstigt dich nicht?" Hutzel fasste es nicht. Irgendetwas musste dieses Volk doch aus der Reserve locken. Welches Volk würde einen Kampf anstrengen, wenn es sah, dass die Aasfresser schon auf der Tribüne Platz genommen hatten?
"Das, was ihr Weichwesen Angst nennt, hat in unserer Gesellschaft keinen Platz. Sollte es mich ängstigen, was nach meinem Tod geschieht? Nein. - Du hast uns gerufen."
"Wir müssen diesen Konflikt beenden."
"Warum?"
Hutzel schloss einen Moment lang die Augen. "Ich möchte dich und Tl'umrak zu einem Gespräch unter sechs Augen einladen."
Der Insektoid ließ sich einmal mehr auf seine mittleren Extremitäten nieder und brachte seinen gewaltigen Kopf näher an den kleinen Krieger heran. "Ich bin Krieger. Kein Ratsmitglied des Kollegiums. Tl'umrak gehört dazu. Es ist nur richtig, wenn Ratsmitglieder untereinander sprechen. Ich befehlige nur die anderen Krieger."
Der kleine Krieger bändigte seinen inneren Aufruhr. Im Falle eines Kampfes und der anschließenden Katastrophe wäre er nur eine Süßspeise für die Meerish. "Wo ist euer Ratsmitglied?"
"Krank. Dlalam'Tchok kann nicht erscheinen. Es geht mit ihm zu Ende. Im Kreise seiner Weibchen wird er sterben."
Nur eine sehr kurze Distanz trennte Hutzels Nase von Mon'Tchoks Kiefern. Die Ausdünstungen des Insektoids brachten seine Augen neuerlich zum Tränen. "Dann wirst du verhandeln!"
"Verhandlungen werden von Ratsmitgliedern ..."
"Eure Regeln interessieren mich nicht! Du wirst mit Tl'umrak reden. Bedeutet es Stärke für die Tchok, sich hinter Regeln zu verstecken?"
Mon'Tchok schwieg. Regeln zu übertreten gehörte nicht zu ihrer Lebenseinstellung.
Der kleine Krieger wusste nicht, was der Verstand des Insektoiden zu lösen versuchte. Aber er gab nicht auf. "Ist der Tod von Dlalam'Tchok sicher?"
"Ja. Er wird den nächsten Tag nicht erleben."
"Wer wird sein Nachfolger werden? Du?"
"Die Tchok werden den Stärksten aus ihren Reihen in das Kollegium wählen, wie sie es immer getan haben."
"Da du Anführer eines starken Heeres bist, denke ich, dass du für diese Wahl zur Verfügung stehst. Kein Schwächling wird Krieger befehligen können", sagte Hutzel beherzt. Wenn du verrückter Tchok schon keine richtigen Gefühle kennst, arbeitet dein Verstand wenigstens ein bißchen, dachte er.
"Du bist wirklich mutig, kleiner Krieger. Kein Tchok würde eine lose Rede gegen mich führen, so wie du es machst." Ruckartig hob Mon'Tchok seinen Körper in die Höhe. "Ich werde mit Tl'umrak sprechen! Mon'Tchok ist stark.."
Eigentlich hätte Hutzel an diesem Punkt des Gespräches zufrieden sein müssen. Eigentlich hätte er auf dem schnellsten Wege den Tchok zu Tl'umrak zerren müssen. Doch eigentlich wollte er wissen: "Warum?"
Der Kopf des Insektoiden fuhr herum. "Es stellt dich nicht zufrieden, dass ich meine Zustimmung gebe?"
"Ich - ein Ergebnis soll durch eure Regeln gestützt sein, ist es nicht so? Wenn du nicht der Stärkste bist ..."
"Kein Tchok wird ein Ergebnis in Frage stellen!"
Hutzel verneigte sich. Außer Sicht des Insektoiden spiegelten sich Hoffnung und verdrängte Angst in seiner Miene wider. "Dann werden auch die Umrak das Ergebnis nicht in Frage stellen. Ich wollte nur sicher sein."

Die Kämpfer der Umrak hatten einen perfekten Kreis um die Verhandelnden gebildet. Tl'umrak wägte jedes seiner Worte ab. Aus ihm sprach das Alter, wenngleich der kleine Krieger auch nicht wusste, wie betagt der Umrak wirklich war.
Mon'Tchok unterstrich seine Einwürfe mehr mit Gesten, als er es Hutzel gegenüber getan hatte. Es war nicht leicht, dem Gespräch zu folgen. Offensichtlich beinhalteten diese Gesten Zeichen, deren Bedeutung dem kleinen Krieger unbekannt waren. Er verglich es mit den Dialekten, die auch unter den Dreggen zuweilen für Missverständnisse gesorgt hatten. Verstohlen warf Hutzel Longear seitliche Blicke in die Menge. Er wartete auf die Rückkehr seines Freundes. Keinfussabhand hatte einen Auftrag zu erfüllen, der für ein Wesen ohne Sprache vielleicht unmöglich war.
"Das Abkommen wurde durch die Tchok gebrochen, nicht durch die Umrak!" betonte Tl'umrak einmal mehr. "Warum sollen sich ausgerechnet die Umrak einer Vergeltung verwehren? Aus Mon'Tchok spricht Schwäche, weil er sich vor dem Untergang seines Volkes fürchtet!" Die letzte Geste des Tchok musste das alte Ratsmitglied über Gebühr gereizt haben, anders konnte sich Hutzel diesen Ausbruch nicht erklären.
"Ihr solltet nicht in Beleidigungen verfallen. Das ist Kriegern eures Schlages nicht würdig", beschwichtigte der kleine Krieger. Redet, dachte er, wer redet, kann sich nicht gleichzeitig gegenseitig auffressen.
"Ich bin nicht - beleidigt", stellte Mon'Tchok fest. "Ich verstehe die Gründe der Umrak für diese Haltung. Ihr Glaube an den eigenen Untergang ist unter den Djeloscha bekannt. Weshalb sonst hätten meine Krieger ihre Arbeiter angefallen? Die Tchok werden überleben, weil sie es wollen. Die Umrak haben bereits aufgegeben und teilen es jedem mit."
"Hungrige Krieger sind Zeichen!"

Während er versuchte mit Hilfe seiner langen Ohren fremde Geräusche aufzufangen, mischte sich Hutzel wieder in das Gespräch ein: "Was für Zeichen?"
"Zeichen für schlechte Versorgung. Für eine mangelnde Zahl von Arbeitern, welche die Krieger versorgen können. Deshalb lassen sich die Tchok auf eine Stufe mit den Meerish herab!" erwiderte Tl'umrak bissig. Einem landwirtschaftlich orientierten Volk musste Aasfresserei die widerlichste Form der Nahrungsaufnahme bedeuten.
Hutzel enthielt sich eines Kommentares. Umherziehende Arbeiter einfach aufzufressen, war für ihn als Weichwesen nicht nachzuvollziehen. Er wartete auf eine Antwort von Mon'Tchok, den Tl'umraks Feststellung zum ersten Mal schockiert zu haben schien. Der Tchok stand starr aufgerichtet. Seine Fühler sanken herab, die glänzenden Augen brachen sich im wechselhaften Licht. Weitere Schwärme der Meerish tanzten Todesboten gleich vor der am höchsten Punkt stehenden Sonne.
"Es war ein Unfall", brachte Mon'Tchok zögernd hervor. "Ein Tchok ist kein Meerish. Wir haben eine Kultur."
Wieder griff Tl'umrak den Tchok mit Worten an, während sich sein Kontrahent zunehmend hilfloser zeigte. In diesem Durcheinander die Ruhe zu bewahren, war kaum zu bewältigen. Um so mehr spitzte Hutzel die Ohren und setzte noch mehr auf seinen Freund, den er zur Eile gemahnt hatte. Er hoffte, Keinfussabhand würde sich nicht irgendwo den Bauch vollschlagen.
Die Klauen der Umrak scharrten die Erde auf. Allerorten erklang plötzlich ein Klacken, das der kleine Krieger nicht hatte kommen hören. Sein scharfes Gehör hätte eine Vorwarnung geben sollen.
Hunderte von Umrak teilten sich zu einer Schneise, deren Linie genau zum Verhandlungsplatz führte. Am Ende der langen Schneise liefen elegant die Arbeiter der Umrak auf sie zu, begleitet vom immer lauter werdenden Klacken ihrer Kiefer.
Zur selben Zeit stieg auch das Brummen der Meerish an, denn ebenfalls unzählbare Krieger ihres Volkes hoben ab. Hinter dem kleinen Krieger bildete sich eine weitere Schneise, die den Blick auf das Ufer des Flusses freigab. Noch mehr Arbeiter waren zu sehen. Sie bedeckten den Fluss. Lebendige Körper bildeten eine Brücke, über die Drohnen um Drohnen rannten. Ihr Anrücken geriet hektischer, unachtsamer. Mitunter fiel eine von ihnen in den Fluss Chortach, wurde mitgerissen, tauchte unter und trieb von dannen. Aufmerksame Meerish gingen in eine Art Sturzflug über und stachen mit ihren Kampfstäben nach den leblosen Körpern, rissen mit den Dornen ihrer Kriegswerkzeuge Stücke heraus und jagten mit atemberaubender Geschwindigkeit durch die Lüfte davon, verfolgt von Artgenossen, die ihnen den Fang entwenden wollten. Das Geschehen hätte einem Albtraum entsprungen sein können. Die für Hutzel fremdartigen Geräusche erfüllten die Luft, die Gerüche wurden unerträglich. Tl'umrak drehte sich im Kreise, rempelte den kleinen Krieger an, stieß ihn um. Hutzel unterdrückte einen Fluch. Drohnen der Tchok und Umrak drängten sich durch die Schneisen zum Verhandlungsplatz hin. Inmitten des Farbenfeuerwerks der segmentierten Körper der Insektoiden packte Hutzel eine Klaue und hob ihn auf den Rücken eines Umraks.
"Verzeih", murmelte Tl'umrak bestürzt. "Ich verstehe nicht, was passiert."
"Ich auch nicht", jammerte Hutzel auf, weil sein Hosenboden von pieksenden Haaren des Umrak-Rückens durchdrungen wurde.
Ein Schnaufen drang an seine Ohren. Eine grüne Hand klammerte sich an seine Schulter, schnaufte ihm nun noch herzhafter ins Ohr. Der Walddämon grinste wölfisch. Ich habe es geschafft, sollte das heißen. Ein neues Schnaufen und ein Stups zwischen die Schulterblätter. Und jetzt mach was daraus, sollte das bedeuten.
Hutzel umarmte seinen Freund kurz, fasste dann nach dessen Hand und versuchte wackelig auf dem Rücken des aufgeregten Umrak zu stehen. Wohin er auch sah, es wimmelte von Drohnen beider Volksgruppen. Zu Beginn des Aufmarsches hatte er sie farblich auseinander halten können, nun jedoch war das Durcheinander so groß geworden, dass er nur noch Körper, Fühler und Beine unterschied. Wer zum wem gehörte, wer konnte das noch sagen?
"Was seht ihr?" rief der kleine Krieger. "Was seht ihr? Tl'umrak, Mon'Tchok, antwortet mir! Was seht ihr?" Das Ratsmitglied und der Anwärter auf das Kollegium schauten so eben noch aus dem Meer der Drohnenleiber heraus. Mon'Tchok versuchte sie beiseite zu drängen, um sich Platz zu verschaffen.
"Unsere Drohnen", presste Tl'umrak hervor.
"Befiehl deinen Drohnen, sie sollen mir Platz machen, bevor ich Gewalt anwende, Tl'umrak!" schrie Mon'Tchok.
"Das sind nicht meine Drohnen, das sind deine und dort und dort, da drüben sind meine!"
Hutzel sprang über die wogenden Körper näher an Mon'Tchok heran. "Ihr könnt sie nicht auseinander halten, nicht wahr? Sag mir, Mon'Tchok, wo sind deine Arbeiter? Ist das hier ein Arbeiter der Tchok?" Er deutete auf den Insektoidenrücken unter seinen Füßen.
Es musste Verzweiflung sein! Mon'Tchok wurde hin und her gerissen. Das Farbenspiel der Arbeiter beider Volksgruppen ging ineinander über. Nirgends gab es mehr einen Anhaltspunkt - die Arbeiter sahen gleich aus! Der große Tchok-Krieger sonderte aus seinem Maul ein zähes Sekret ab.
"Ich weiß es nicht!" donnerte seine Stimme über den Pulk hinweg.
Der kleine Krieger sprang weiter. "Du weißt es nicht, weil sie eins sind! Hast du mich gehört, Tl'umrak? Eure Arbeiter sind eins! Nicht zwei Völker, sie sind eins!"
Mon'Tchok und Tl'umrak sahen sich an.

Ende

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